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The Green Inferno

Willkommen zurück zu unserem Ausflug in die filmischen Gefilde der Menschfresser. Wir hoffen, dass ihr alle den gestern veröffentlichten Exkurs zum Thema Kannibalenfilm unseres Lesers Thodde gelesen habt. Er ist zwar zum Verständnis der vorliegenden Review nicht zwingend notwendig, doch schlägt er den Bogen zu dem, was nun kommt.
Thodde geht nämlich näher auf Eli Roths Kannibalenfilm „The Green Inferno“ ein. Der Streifen spielt mit dem Erbe des Menschenfresser-Kinos und muss daher auch mit einem Blick in die Geschichte des Genres behandelt werden.

Wir danken abermals für den tiefen Griff in die Filmgeschichte, mit dem uns Thodde etwas schlauer gemacht hat. Aber nun wollen wir unsere Zähne in die Gast-Review zu „The Green Inferno“ hauen. Wir wünschen viel Spaß.


USA 2014
103 min.

Regie: 
Eli Roth

Darsteller: 
Lorenza Izzo – Justine
Ariel Levy – Alejandro
Daryl Sabara – Nick
Kirby Bliss Blanton – Amy
Sky Ferreira – Kaycee




Womit wir wieder beim eigentlichen Anlass für diesen Text angekommen wären und den Bogen zum Anfang meines Reviews schlagen können. Jemand, der ebenfalls kein Problem damit hat, sich in aller Öffentlichkeit als Kannibalen-Film-Fan zu outen, ist Regisseur und Quentin-Tarantino-Busenkumpel Eli Roth. Eli Roth hat sich nun einen Traum erfüllt und seine persönliche Hommage an die Menschenfresser-Fanale der italienischen Altmeister gedreht. Dabei herausgekommen ist „The Green Inferno“, ein Film, der so viel hätte sein können und doch nur eine verschenkte Chance ist.


Die New Yorker Studentin und Tocher aus gutem Hause Justine (Lorenza Izzo) wird von dem charismatischen Aktivisten Alejandro (Ariel Levy) dazu überredet, sich an einer spektakulären Publicty-Aktion zu beteiligen, die einen Konzern davon abhalten soll, Eingeborenendörfer im Amazonasgebiet zu zerstören. Obwohl die Sache nicht ganz ungefährlich ist, da die Bauarbeiter von schwer bewaffneten Mitarbeitern einer privaten Sicherheitsfirma beschützt werden, macht sich Justine mit einigen weiteren Studenten, darunter der dicke aber gutmütige Jonah (Aaron Burns), der sich in Justine verknallt hat, auf die Reise in den südamerikanischen Dschungel. Als Arbeiter verkleidet schleichen Sie sich auf die Baustelle, ketten sich an Bäume und Baumaschinen und übertragen die ganze Aktion mittels ihrer Smartphones live im Internet. Dummerweise hat Justines Vorhängeschloss zum Schließen der Kette eine Fehlfunktion und so wird Justine zur Geisel der Sicherheitsleute. Doch da diese einen PR-Gau fürchten, sollten sie einen der Aktivisten vor laufender Kamera erschießen, werden die Studenten schließlich laufen gelassen. In der kleinen Propeller-Maschine auf dem Weg zurück zum nächsten Flughafen sind alle glücklich, denn die Aktion war ein Riesenerfolg. Nur Justine findet das Ganze gar nicht witzig, steht sie doch immer noch unter Schock. Da plötzlich fällt der Motor des Flugzeugs aus und die Maschine stürzt mitten im tiefsten Dschungel ab. Kaum haben sich die Überlebenden des Crashs vom ersten Schrecken erholt, werden sie plötzlich von mit roten Kriegsfarben bemalten Indios hinterrücks angegriffen, betäubt und in deren Dorf verschleppt. Als sie wieder zu sich kommen, befinden sie sich in einem groben Holzkäfig eingesperrt. Und dann kommen auch schon die Eingeborenen heran, ziehen Jonah aus dem Käfig und schlachten ihn bei lebendigem Leibe. Eben jene Eingeborene, denen die Studenten helfen wollten, entpuppen sich nun als blutrünstige Kannibalen. Für Justine und die übrigen Überlebenden beginnt ein unvorstellbares Martyrium…

Die Inhaltsangabe lässt es erahnen: Eli Roth lässt sich sehr viel Zeit, bis der Film endlich seinem Titel Gerecht wird und das Inferno beginnt. Etwa den halben Film muss man als Zuschauer ausharren, bis endlich die ersten Kannibalen auf der Bildfläche erscheinen. Und hier offenbart sich auch gleich einer der größten Schwachpunkte des Films, denn Spannungsaufbau ist Roths Sache nicht. Zu klischeehaft sind die Figuren, zu beliebig der Handlungsaufbau, als dass man sich groß dafür interessieren würde, was den Studenten wiederfährt, bevor ihr Flugzeug letztendlich abstürzt. Nicht einmal Justines Geiselnahme kann einen groß aus der Lethargie reißen, denn man weiß, dass sie die überleben wird. Hätte Roth das Flugzeug direkt auf dem Hinweg zur Baustelle abstürzen lassen, würde der Film wesentlich schneller aus dem Quark kommen. Das würde ihn dann zwar um einen später auftretenden Twist in der Charakterzeichnung des als Che-Guevara-Verschnitt angelegten Alejandro bringen, der eingestehen muss, dass die ganze Protestaktion ein völlig sinnloser PR-Gag um des schnöden Mammons Willen war, da sie die Bauarbeiten zwar um wenige Tage verzögert aber mitnichten aufgehalten hat. Aber das macht seine Figur auch nicht interessanter, also ebenso entbehrlich. Des Weiteren baut der Film mit Aljandros Freundin Kara (Ignacia Allamand) so etwas wie eine durch Eifersucht motivierte Nemesis für Justine auf. Doch nachdem das Flugzeug gecrasht ist, ist Kara noch an der Absturzstelle die erste, der die Kannibalen den Garaus machen. Einer von mehreren Handlungsfäden, die sich als reines Füllmaterial entpuppen.
Klar: Auch die Originale aus den ‘70ern und ‘80er waren keine Meisterwerke der Drehbuchkunst und ihre Figuren klischeegetränkte Abziehbilder, aber auch wenn es in Roths Vorbildern ebenfalls schon mal länger als den halben Film dauern konnte, bis es endlich „Menschenfresser marsch!“ hieß, hat sich keiner von diesen „Klassikern“ so unnötig viel Zeit gelassen, bis er dem Zuschauer irgendwelche Schauwerte geliefert hat (und wenn es sich dabei auch nur um eine für den eigentlichen Plot völlig irrelevante Schießerei in New York handelte, wie z. B. in „Die Rache der Kannibalen“).

OK, genug der groben Schelte, kommen wir zur „besseren Hälfte“ von „The Green Inferno“, dem Kannibalen-Plot: Hier liefert Eli Roth nun Metzeleien und abseitige Kannibalen-Rituale am laufenden Band. Die Spannungsschraube wird dabei zwar auch nicht übermäßig angezogen, da Roths Inszenierungsstil nach wie vor nicht über solides Mittelmaß hinauskommt, aber immerhin gibt es ab hier zumindest reichlich roten Körpersaft vor die Glotzbuchten. Zu dumm nur, dass „The Green Inferno“ offensichtlich darauf abzielt, ein R-Rating von der Motion Picture Association of America zu bekommen. Wie wir wissen reagieren Amerikaner auf Gewaltdarstellungen in Filmen meist eher mit Gleichmut denn mit Entsetzen. So kommt es, dass dort vieles auch schon für Jugendliche unter 17 Jahren frei verfügbar ist, was bei uns nicht nur erst ab 18, sondern obendrein auch noch als jugendgefährdend indiziert ist. Aber zeig einem Amerikaner auch nur für den Bruchteil einer Sekunde eine entblößte Frauenbrust und er wird ein Nippelgate entfachen, das sich gewaschen hat. Tja, das Ende vom Lied ist dann, dass die bemitleidenswerten Aktivisten in „The Green Inferno“ zwar in aller Ausführlichkeit entleibt, verstümmelt und gequält werden dürfen, dabei aber zu jeder Zeit ihre Klamotten anbehalten müssen. So kommt es, dass die Kannibalen Jonah nicht einmal seinen Arbeitsoverall ausziehen, bevor sie ihm zunächst die Arme, dann die Beine und dann den Kopf abhacken (die arme Schildkröte aus „Nackt und zerfleischt“ lässt grüßen), und dass Justine zwar von Kopf bis Fuß mit einer milchigen Substanz eingeschmiert wird, dabei aber stets improvisierten BH und Höschen anbehält, wo sich Ursula Andress in „Die weiße Göttin der Kannibalen“ und Janet Agren in „Lebendig gefressen“ noch gänzlich nackig gemacht haben.

Auch die Kannibalen laufen für Eingeborene, die eigentlich keine Scham gegenüber der eigenen Nacktheit kennen dürften, erstaunlich züchtig bekleidet durch den Forst. Zudem muss man sagen: die FSK dürfte zwar an „The Green Inferno“ definitiv keinen Spaß haben, aber wer nun auf ein Splatterfest ohne Geschmacksgrenzen hofft, wird hier ebenfalls enttäuscht sein. Ja, es fließt reichlich Blut, aber die Kamera hält eigentlich nie übermäßig lange drauf sondern Roth „lockert“ das ganze immer wieder mit Zwischenschnitten auf die entsetzt zuschauenden Überlebenden oder die freudig erregten Kannibalen auf. Positiv hervorzuheben ist immerhin, dass alle Effekte handgemacht sind und die Jungs der KNB Effects Group wie immer erstklassige Arbeit abgeliefert haben. Und besonders positiv fällt auf, dass Roth auf jegliche Szenen, in denen Tiere gequält oder getötet werden, von vorneherein komplett verzichtet, obwohl man so etwas heute sicherlich mittels Animatronics, CGI und diverser anderer Effekt-Techniken realitätsnah hätte nachstellen können.

Im Hinblick auf die Darsteller muss man leider sagen, dass sich hier eine Schar von Blassnasen vor der Kamera tummelt, die von den offensichtlichen Laiendarstellern der Kannibalen locker an die Wand gespielt werden. Ok, man hat schon wesentlich schlechtere schauspielerische Leistungen gesehen, aber nicht eines der ach so armen Kannibalen-Opfer vermag beim Zuschauer auch nur ansatzweise so etwas wie verstärktes Mitgefühl zu erwecken. Sie sind einem als Figuren schlichtweg egal und man wartet im Grunde nur darauf, dass einer nach dem anderen auf möglichst grausige Weise das Zeitliche segnet, damit man wenigstens wieder ein paar Schauwerte zu sehen bekommt. Einen Gutteil der Schuld an dieser Interessenlosigkeit des Zuschauers am Schicksal der Protagonisten tragen natürlich auch das dünne Drehbuch und Eli Roths mäßiger Inszenierungsstil, der es sich auch nicht verkneifen kann, als den in einem Käfig gefangenen Überlebenden angesichts der sich Ihnen bietenden Schlächtereien doch erheblich übel wird, einen überflüssigen Dünnschiss-Gag einzubauen.

Was nun seine Reminiszenzen an die großen Vorbilder angeht, setzt Eli Roth eher auf subtile Anspielungen denn auf direkte Zitate. Ich hatte weiter oben ja bereits zwei Parallelen zu den Klassikern erwähnt. Dazu gesellt sich noch eine Szene, in der es zwei der Überlebenden zurück zum Flugzeugwrack schaffen und dort die zurückgebliebenen Opfer des Absturzes in ähnlicher Weise auf Pfähle aufgespießt vorfinden, wie es die berühmte Frau in „Nackt und zerfleischt“ war (nur das hier die Pfähle nicht zum Hals wieder herauskommen). Dass die Studenten eigentlich mit der Absicht gen Amazons aufbrechen, den Eingeborenen zu helfen, sich ihre gute Tat dann aber als sinnlose PR-Aktion entpuppt, erinnert entfernt an den Grundplot von „Nackt und zerfleischt“ mit dem Filmteam, dass eigentlich das Leben der Eingeborenen dokumentieren soll, sich dann aber um der reinen Sensation willen an diesen vergeht. Die deutlichste Anspielung liefert das Ende von „The Green Inferno“. Ohne zu viel verraten zu wollen, erkennt man hier doch eindeutig den Einfluss von „Die Rache der Kannibalen“, der laut Roths eigener Aussage im Übrigen sein Lieblings-Kannibalen-Film ist.

Gedreht wurde „The Green Inferno“ auf Digital-Video, so dass den ganzen Film ein glatter Video-Heimkamera-Look prägt. Ich steh da eigentlich gar nicht drauf und habe lieber den typischen Look von 35- oder zumindest 16mm-Film, aber in diesem Fall bin ich bereit, es Roth nachzusehen, da er immerhin (Gott sei Dank) nicht auf den seit Jahren totgerittenen Trend-Zug der Found-Footage aufgesprungen ist und uns so nicht mit unübersichtlichen Wackelaufnahmen nervt.

Als Fazit kann man festhalten, dass „The Green Inferno“ zwar kein Totalausfall ist, unter den gegebenen Voraussetzungen aber wesentlich mehr Potenzial gehabt hätte. In fähigeren Händen als denen von Eli Roth hätte da um einiges Mehr herausspringen können, denn in Hinblick auf Budget (nicht übermäßig üppig, siehe den Dreh auf Digital-Video, aber auch nicht offensichtlich unterbudgetiert), Locations (immerhin wurde im realen Dschungel gedreht) und technisches Knowhow hinter den Kulissen (das Make-Up der Kannibalen und die Gore-Effekte sind über jeden Zweifel erhaben) macht der Film alles richtig. So bleibt nur ein mittelmäßiger Reißer, der in der ersten Hälfte reichlich langweilt und in der zweiten auch nur halbherzig das liefert, wofür man als Zuschauer eigentlich sein Eintrittsgeld bezahlt hat. Für einmal Ansehen mit Kumpels ganz nett aber ohne großen Wiedersehfaktor.

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