Der Blog für Trashfilme und B-Kultur

Ein besonders unappetitliches Thema...

In meinen Augen war der Kannibalenfilm stets vom einen sagenumwobenen Nimbus umgeben. Ich kannte niemanden, der solche Filme besaß oder auch nur gesehen hatte. Den einen oder anderen Zombiefilm hatte ich zwar gesehen, doch abseits der Tatsache, dass dort ebenfalls Menschen gegessen werden, ahnte ich, dass der Kannibalenfilm eigene Gesetze und Regeln hat.
Nun habe ich auf den letzten „Fantasy Filmfest Nights“ mit Eli Roths „The Green Inferno“ meinen ersten Kannibalenfilm gesehen. Doch aufgrund der fehlenden Kenntnisse des Genres sehe ich mich schlicht und einfach nicht in der Lage sehe eine Review über „The Green Inferno“ zu schreiben.

Deshalb freut es das Team von Trash-o-Meter umso mehr, dass Thodde – ein langjähriger Leser unseres Blogs – sich bereit erklärt hat, uns eine Lehrstunde zur Geschichte des Kannibalenfilms zu erteilen. Darüber hinaus betrachtet er für uns „The Green Inferno“ in Hinblick auf den Umgang mit dem filmischen Erbe des Genres. Die Rezension werden wir schon morgen hier veröffentlichen. Bis dahin danken wir Thodde für die geleistete Arbeit und empfehlen, allen die sich fragen, was es mit dem Kannibalen-Genre nun auf sich hat, die Lektüre der folgenden Zeilen:


Eine nicht gesellschaftsfähige Vorliebe
Wer offen zugibt, dass er Kannibalen-Filme mag, begibt sich gesellschaftlich auf extrem dünnes Eis. Primitiv, blutrünstig, gewaltverherrlichend, menschenverachtend. Das sind nur einige der negativen Attribute, die Otto-Normalfilmgucker mit diesen Werken überwiegend italienischer Provenienz verbinden. Und selbst bei Leuten, denen es auf Leinwand oder Mattscheibe gar nicht blutig genug zugehen kann, genießen die „Machwerke“ von Regisseuren wie Umberto Lenzi, Sergio Martino und Ruggero Deodato keinen guten Ruf, wird hier doch oftmals neben allen artifiziellen Verstümmelungen, Abschlachtungen und sonstigen Foltereien unmenschlicher und vor allem unnötiger „Tiersnuff“, also reale Tötungsszenen an Tieren, genüsslich vor der Kamera zelebriert.

Ich begebe mich auf dieses dünne Eis und gestehe hiermit frei heraus ein, dass ich an den Filmen dieses Schmuddel-Genres, die in einer regelrechten Welle von Anfang der 1970er bis Anfang der 1980er entstandenen, durchaus Gefallen finde. Gerne lasse ich meine niederen Instinkte durch reichlich Blut und Gekröse, eingebettet in eine mal mehr, mal weniger oberflächliche oder auch dümmliche Abenteuerhandlung, befriedigen. Ich ergötze mich daran, auf was für kranke Ideen Regisseure, Drehbuchautoren und Make-Up-Künstler so kommen können. Und ich denke, nur weil diese Filmen bis heute die Aura des Verbotenen, des Perversen, des Kranken anhängt, deren Konsumenten selber nicht ganz richtig im Kopf sein können, ich damit keinen abseitigeren Geschmack beweise als das Millionenpublikum, das heutzutage Filme wie „Saw“, „A Serbian Film“ oder die übrigen „Torture-Porns“, die seit einigen Jahren dutzendweise den Markt überschwemmen, zu einem kommerziell einträglichen Genre werden lässt.
Zugegeben: auf den Tiersnuff hätte ich auch sehr gut verzichten können, aber ich sehe Filme immer auch als Dokument ihrer Zeit an. Und die Kannibalen-Filme entstanden nun einmal in einer Zeit, in der vielen Menschen der Tierschutz noch am Allerwertesten vorbeiging bzw. in der es noch keine Gesetze gab, die derartige Quälereien an Tieren unter Strafe gestellt hätten. Zudem kann auch ich die Zeit nicht zurückdrehen. Die Tierquälereien und -tötungen, die in diesen Filmen gezeigt werden, sind geschehen und niemand kann sie ungeschehen machen. Leider.

Bevor ich mich morgen in der Fortsetzung dieses kleinen Kannibalen-Specials mit "The Green Inferno" auseinandersetze, fasse ich das Genre Kannibalen-Film einmal mit den wichtigsten Stationen kurz zusammen.


Eine kurze Geschichte des Kannibalen-Films

Angefangen hat alles 1972 relativ harmlos mit „Il paese del sesso selvaggio“ von Umberto Lenzi, in Deutschland besser bekannt als „Mondo Cannibale“ (in Anlehnung an das in den 1960ern erblühte Mondo-Genre), in dem ein Foto-Reporter (Ivan Rassimov) im Amazonas durch Zufall von einem Stamm Indios gefangen genommen wird und in der Folge die seltsamen Riten und Gebräuche der Eingeborenen kennen lernt. Zwar geht es bereits hier nicht gerade zimperlich zu, was die Darstellung von Gewalt und sexuellen Handlungen angeht, aber Kannibalen spielen in diesem Film nur eine Nebenrolle, als sie im Laufe des Films das Indio-Dorf überfallen.

Es folgten Werke wie „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“ (R: Ruggero Deodato, 1977, „Ultimo mondo cannibale“) als inoffizielle Fortsetzung (diesmal tatsächlich mit Kannibalen als Hauptattraktion) oder „Die weiße Göttin der Kannibalen“ (R: Sergio Martino“, 1978, „La montagna del dio cannibale“), in dem eine damals schon recht abgehalfterte Ursula Andress zusammen mit Stacy Keach eine verschollene Amazonas-Expedition suchte und dabei den gefräßigen Philanthropen in die Arme lief. Der Film wurde unter anderem für eine (angeblich ohne Martinos Einverständnis nachträglich eingefügte) Szene berühmt, in der einer der Menschenfleischverköster Geschlechtsverkehr mit einem Schwein hat. Genre-Schöpfer Umberto Lenzi drehte 1980 „Lebendig gefressen“ („Mangiati vivi!“), in dem er diverse Einstellungen in den Fress- und Tierschlachtungsszenen einfach direkt aus Martinos „Weißer Göttin“ klaute. Der Film, der mit seinem Plot um eine im Amazonasdschungel hausende religiöse Sekte gnadenlos das 1978 stattgefundene Jonestown-Massaker ausschlachtete, gehört aber trotzdem noch zu den besseren Vertretern des Genres.

Selbst vor kruden Genre-Verschmelzungen machte man nicht halt. Bei Joe D’Amato durfte sich 1977 Laura „Black Emanuelle“ Gemser „Nackt unter Kannibalen“ („Emanuelle e gli ultimi cannibali“) wagen und 1980 hieß es dann sogar „Zombies unter Kannibalen“ („Zombie Holocaust“). Einen recht interessanten Genre-Mix aus Kannibalen-Horror und Kriegs-Drama schuf Antonio Margheriti (international besser bekannt unter seinem Pseudonym Anthony M. Dawson) mit „Asphalt-Kannibalen“ (1980, „Apocalypse domani“). Eine Gruppe Vietnam-Veteranen (angeführt von John „Sador“ Saxon) bringt bei ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten ein ansteckendes Virus mit sich, das Menschen in blutrünstige Kannibalen verwandelt, sobald sie von einem Infizierten gebissen werden.

Wie so oft war natürlich auch beim Genre des Kannibalen-Films die Entwicklung absehbar. Immer spekulativer wurden die Filme, immer weiter angezogen wurde die grafische Explizität der gezeigten Gräueltaten. Gleichzeitig schraubte man die zur Verfügung stehenden Budgets immer weiter herunter, weshalb schließlich auch Billigfilmer wie Jess Franco (u. a. „Inferno der Kannibalen“, 1980, „Mondo Cannibale“) ihren Ausschuss an Genre-Epigonen leisten durften.

Bevor es endgültig vorbei war, versuchten sich allerdings Ruggero Deodato und Umberto Lenzi noch einmal an weiteren Varianten und schufen dabei die beiden absoluten Höhepunkte der Kannibalen-Welle. Deodato drehte mit „Nackt und zerfleischt“ (1980, „Cannibal Holocaust“) einen Film, der auch heute noch als kontroverses Meisterwerk und Begründer des Found-Footage-Kinos gilt: Nachdem ein Fernsehteam, dass im brasilianischen Urwald eine Dokumentation über die letzten Kannibalen drehen sollte, spurlos verschwunden ist, wird ein zweites Team auf die Suche nach dem ersten geschickt. Doch alles, was die Suchmannschaft findet, sind die Skelette des Filmteams und einige Dosen mit dem von diesem aufgenommenen Filmmaterial. Als man dieses in den Staaten sichtet, kommt eine grauenvolle Wahrheit ans Licht: Um möglichst spektakuläre Aufnahmen zu bekommen, haben die „Dokumentarfilmer“ die Eingeborenen misshandelt, gequält und vergewaltigt. So lange, bis diese den Spieß umdrehten und gnadenlos Rache nahmen.

Deodatos Werk führt dem Zuschauer mit voller Wucht seinen eigenen Voyeurismus vor Augen. Indem er die wiedergefundenen Filmszenen mit Handkamera auf 16mm-Film drehte, gelang es ihm, den vom Filmteam begangenen Untaten einen extremen Realismus zu verleihen, der ein ums andere mal heftige Schläge in die Magengegend des Betrachters verteilen. Der Film wirkte so realistisch, dass sich Deodato im Anschluss sogar wegen Mordes vor Gericht verantworten musste, weil Leute glaubten, man habe die Darsteller tatsächlich echten Kannibalen zum Fraß vorgeworfen. Den betörend-schönen (kein Witz!) Soundtrack zum Film schrieb übrigens der vor kurzem verstorbene Maestro Riz Ortolani.
Umberto Lenzis „Die Rache der Kannibalen“ (1981, „Cannibal Ferox“) kann sich zwar einen derartigen „Anspruch“ nicht einmal ansatzweise auf die Fahnen schreiben, aber dafür ist der Film mit Abstand der härteste und spekulativste Kannibalen-Film überhaupt. Hier braucht man nur den deutschen Trailer zu zitieren, der es auf den Punkt bringt: „Was sie in diesem neuesten Kannibalen-Schocker sehen, ist so pervers, dass man es nicht mehr beschreiben kann“. Der dazugehörige Plot um ein Team Anthropologen, dass im Amazonasgebiet die Nichtexistenz von Kannibalen beweisen will, dabei aber natürlich auf eben jene stößt und umgehend zum Hauptgericht rekrutiert wird, ist so simpel wie nebensächlich. Kuriosität am Rande: der spätere Tatort-Kommissar Dominic Raacke ist in einer Minirolle als Drogensüchtiger zu sehen und wird direkt am Anfang über den Haufen geschossen. Und der Soundtrack von Roberto Donati und Fiamma Maglione ist ein echter Ohrwurm.

Danach war erst einmal zwanzig Jahre Ruhe im Amazonas und die politisch wie ethisch höchst unkorrekten Abenteuer aus dem Lande der Menschenfresser schienen endgültig der Vergangenheit anzugehören. Erst recht, nachdem Jonathan Hensleigh („The Punisher“, 2004) zusammen mit der Produzentin Gale Anne Hurd („The Abyss“, 1989) den unsäglich schlechten „Cannibals – Welcome to the Jungle“ (2007, „Welcome to the Jungle“) auf die Menschheit losgelassen hatten.

Ob Eli-Roths Kannibalen-Schocker "The Green Inferno" das richtige Futter für die ausgehungerten Genre-Fans ist, könnt ihr in Thoddes Gastreview auf Trash-o-Meter nachlesen.

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