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Snowpiercer

Südkorea / USA 2013
126 min.

Regie:
Joon-ho Bong

Darsteller:
Chris Evans – Curtis
Tilda Swinton – Mason
John Hurt – Gilliam
Jamie Bell – Edgar
Kang-ho Song –  Namgoong
Minsu Ah-sung Ko – Yona




Um die globale Erwärmung zu stoppen, bläst die Menschheit das Kältemittel CW7 in die oberen Schichten der Atmosphäre. Leider funktioniert die Chemikalie zu gut und eine neue Eiszeit bricht über die Erde hinein. Die letzten überlebenden Menschen flüchten sich in den Superzug, der konstant seine Bahnen durch die trostlose Eiswüste zieht. Im Inneren des Zugs herrscht ein striktes Klassensystem. Während die Unterschicht im hinteren Teil des Zuges in fensterlosen Waggons ein erbärmliches Leben führt, schwelgt die erste Klasse (und der Begriff ist hier wörtlich zu nehmen) unter der Leitung des mysteriösen Mr. Wilford und seiner Handlangerin Mason (Tilda Swinton) im Luxus.
Eine solche Lebensweise weckt selbstverständlich Begehrlichkeiten bei den Benachteiligten. So wagen die Proletarier, angeführt vom Heißsporn Curtis (Chris Evans) und seinem Mentor Gilliam (John Hurt) den Angriff auf den vorderen Zugteil.

Wer schon einmal bei Minusgraden auf dem Bahnsteig vergeblich auf einen Zug gewartet hat, wird unter Umständen Probleme haben, mit „Snowpiercer“ warm zu werden. Und tatsächlich birgt die zugrunde liegende Idee ein enormes Potential für die Entfremdung vom Zuschauer. Wer aber bereit ist, sich der Prämisse des Films hinzugeben, wird mit einer sorgfältig und wunderbar konstruierten dystopischen Vision belohnt.


Erheblichen Anteil an der erfolgreichen Vermittlung der Geschichte hat das Setdesign. Während sich die Revolutionäre bis zur Zugmaschine vorkämpfen, entfaltet sich vor ihnen ein zunehmend dekadenter werdender Mikrokosmos. So steigt vor jedem neuen Abschnitt des Zuges die Spannung, welche ungeahnte Welt sich hinter den schweren Stahltüren verbirgt. Analogien zum Leveldesign eines Videospiels dürfen bemüht werden.

Auf die meisten Zuschauer wird der Einfluss des Setdesigns jedoch zum Teil nur unterbewusst wirken. Wer sich einmal intensiv mit der Erschaffung von Räumen in Hinsicht auf Funktionalität, Lichtstimmung und Atmosphäre auseinandergesetzt hat, erkennt auch die subtile Kopfarbeit, die hier geleistet wurde. So zeugt allein die Auswahl an Materialien von der genauen Beobachtungsgabe und von dem Fingerspitzengefühl, dass eine derartig überzogene Schreckensvision benötigt. Der Film erreicht auf diese Art etwas, dass immer weniger Filme tun, seit die Regisseure die Studios verlassen und in der Realität drehen konnten: „Snowpiercer“ hinterlässt Bilder im Kopf.

So schön die Filmbauten auch geworden sind, darf das Zug-Setting nicht zum Selbstzweck verkommen. Doch Regisseur Bong Joon-Ho umgeht auch diese Falle und nutzt das Potential, dass der Polar-Express für die Acionszenen und die Entwicklung der linearen Struktur seines Kabinettstücks bietet. Unterstützt von einem gut aufgelegtem Ensemble entsteht so ein dichtes und kurzweiliges Genrekino mit Anspruch.

Es gibt nur einen Bereich, in dem „Snowpiercer“ nicht scharf genug formuliert ist. Die Sozialkritik wird – wie es für Filme auf dem Fantasy Filmfest Film üblich ist – auf eine altbekannte, ja mittlerweile überstrapazierte Art präsentiert. Breit grinsende blonde Menschen und Rückgriffe auf die Werbespots der Fünfziger Jahre gehören längst zum festen Kanon des Festivals und der Subkultur. Die Romantisierung dieser Ästhetik durch die Fans führt zwangsläufig zu einem Verlust ihrer Wirkung.

Wer über diesen kleinen Fehler hinweg sehen und sich auf die ebenso eigenwillige wie interessante Geschichte einlassen kann, erlebt dank des beschwingten Casts und der beeindruckenden Bildern die beste Kino-Dystopie seit „V wie Vendetta“.

– Commodore Schmidlabb –

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