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La dolce vita

Immer wieder habe ich mich auf diesem Blog mit dem Thema Italo-Disco gewidmet. Die Frage, wie es zu der unbeschwerten und sinnfreien musikalischen Bewegung kommen konnte, ließ mich nicht los. Daher habe ich mich endlich an den Schreibtisch gesetzt und ein klein wenig das Gehirn angestrengt. Das dabei ein Text entsteht, war gar nicht absehbar. Aber so könnt ihr teilhaben an meinem kleinen Exkurs in die Geschichte der italienischen Tanzmusik der 80er Jahre.
Das ich zudem wieder eine Ausrede habe, ein Video meiner Lieblinge von Silent Circle zu posten, ist ein willkommener Nebeneffekt. Also viel Spaß damit:



La dolce Vita
Leben, Sterben und Wiedergeburt der Italo-Disco

Die Geschichte der Italo-Disco ist eine Geschichte des Wandels. Die frühen Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren geprägt von neuer, aufregender Technik. Der Computer zog ein in die deutschen Haushalte und Science-Fiction-Filme lockten die Zuschauer in Scharen in die Kinos.

Dieser Geist des Fortschritts umgab auch die Musikwelt. Die elektronischen Klangwelten des Giorgio Moroder und Yellow Magic Orchestra waren richtungweisend für eine neue Generation von Musikern. Erstmals benötigten sie kein eigenes Studio mehr. Neuheiten wie der Sequencer, der Drumcomputer und der Synthesizer waren erschwinglich geworden.

Besonders für die italienische Discoszene war die technische Entwicklung ein Segen. Endlich musste man keine teuren Musikimporte aus dem Ausland beziehen. Zudem benötigten die Tanzpaläste der Halbinsel mehr Material als die fremdländischen Produzenten liefern konnten.

Die neue italienische Discomusik war synthetisch und bestens zum Tanzen geeignet. Sie schuf eine schwelgerische Welt aus Romantik und Herzschmerz. Die englische Sprache war ein Muss, der Text jedoch zweitrangig. Zeilen wie „Rock your face! Only way delirio mind! Shock on body lane! Fire light delirio mind!“ aus Delirio Mind von Scotch wirken heute belustigend auf den Hörer. An der Eingängigkeit der Kompositionen ändert das jedoch wenig.

Touristen brachten sodann den neuen Sound der Adria aus dem Urlaub mit nach Deutschland. Dort witterte der Produzent und Unternehmer Bernhard Mikulski die Chance, seine noch unbekannten italienischen Künstler zu den neuen Zugpferden seines Labels zu machen. Er veröffentlichte eine Reihe von Samplern, die er auf den Namen „The Best of Italo-Disco“ taufte. Der Ausdruck Italo-Disco war geboren und wurde fortan zum Label für Musik, die so tanzbar wie sorglos – und damit gewissermaßen die Antithese zum rotzigen Punk – war.

Der Trend aus Italien fand schon bald seine Nachahmer in ganz Europa. So fallen auch Interpreten aus Deutschland wie Silent Circle, Fancy und Modern Talking unter den Überbegriff Italo-Disco. Die Schwemme an neuen Interpreten führte schließlich zu einer Übersättigung des Marktes und leitete gleichzeitig das Ende des Genres ein.

Doch Totgesagte leben länger und so feierte der sonnige Sound 2008, fast zeitgleich mit der weltweiten Wirtschaftskrise, ein Comeback. Verwunderlich ist das nicht, denn in der Krise wird getanzt und Trash war ohnehin längst gesellschaftsfähig geworden. Aktuelle Acts wie Justice oder Chromatics beziehen sich auf das Erbe von Gazebo und Co. Sei es aus reiner, kindlicher Spielfreude oder um die eigenen ernsthaften Texte zu karikieren.

Ob nun Italo-Disco seine Entsprechung in der oftmals sinnbefreiten Pop-Musik heutiger Tage – Party Rock Anthem und Disco Pogo lassen grüßen – findet, sei dahingestellt. Doch eines ist klar. Mit der nächsten Krise sehnen wir uns wieder nach la dolce vita und fröhlicher Musik und eingängigen Rhythmen – eben nach Italo-Disco.

 – Commodore Schmidlabb –

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